Vom Wandern mit Kind und Erklimmen des Ben Nevis

Vom Wandern mit Kind und Erklimmen des Ben Nevis

Vor einiger Zeit hatten wir die Idee, eine Wanderung in den schottischen Highlands zu unternehmen. Unsere erste Tochter war gerade etwas über ein Jahr alt und ihre Mutter war wieder schwanger. Natürlich war es höchste Zeit, wieder auf Trekking-Tour zu gehen! Die Leute erzählten uns von der großartigen Natur der schottischen Highlands, von den freundlichen Menschen, von alpinen Abenteuern und von der Möglichkeit, sein Zelt einfach dort aufzustellen, wo man möchte. Uns gefiel, was wir hörten und so planten wir für April mit unserer kleinen Familie eine zweiwöchige Weitwanderung.

Die Wanderung zu Ben Nevis

Steinmännchen auf einem Berg
Gipfel des Càrn Dearg

Unser Ausgangspunkt war ganz klassisch am Loch Ness, dem großen See mit dem legendären Monster. Der Transport dorthin verlief ziemlich unspektakulär mit Flugzeug, Bahn und Bus. Unser Ziel war von da an, so viel wie möglich in der Natur und so wenig wie möglich in der Zivilisation zu sein. Also gingen wir für mehrere Tage auf gewundenem Pfad südwestwärts entlang der Hügel südlich des Great Glen (der große Einschnitt, die Schottland in zwei Teile teilt). Die generelle Richtung waren Fort William und vor allem Ben Nevis.

Kind mit Drachen in den schottischen Bergen
Unser Mädchen mit unserem einzigen Spielzeug

Von Ben Nevis hatten wir gehört, dass er der höchste Berg des heutigen Großbritannien ist (1345 m). Und dass dort einige recht interessante Wege hinaufführen, sogar einige, die interessant bergsteigerisch klingen. Aber wir wussten nicht, ob es möglich ist, einen dieser Wege ohne Kletterausrüstung und mit einem kleinen Kind zu besteigen. Hier sind unsere Erfahrungen mit dem großartigen Ben Nevis im Familienwandermodus.

Lochan Meall an t-Suidhe und Ben Nevis

Wir näherten uns dem Berg von Nordosten („North Face Car Park“). Es gibt einen See am Hang des Berges (Lochan Meall an t-Suidhe genannt), an dessen idyllischem Ufer wir unser Zelt aufschlugen. Auf diese Weise hatten wir schon fast die Hälfte der Höhenmeter geschafft (570 m, ausgehend von beinahe Meereshöhe), ohne überhaupt den eigentlichen Anstieg begonnen zu haben. Ab hier führt direkt der Normalweg zum Gipfel. Dieser wird auch „Pony Track“ genannt, da er früher der Versorgung einer Sternwarte und eines Hotels auf dem Gipfel des Bergs diente. Obwohl das Hotelprojekt schon lange beendet wurde und auch das Observatorium aufgegeben wurde, sah der Ponyweg für uns noch ziemlich beeindruckend aus. Und eher zu sehr nach Zivilisation für unseren Geschmack.

Wir wählen das Abenteuer

Der Kamm von CMD Arête, rechts Ben Nevis

Aber glücklicherweise hatten wir schon zu Hause erfahren, dass man von unserem See aus auch zu einer schönen Runde entlang eines eleganten Grats zum Gipfel starten kann. Dieser Grat heißt „Carn Mor Dearg Arête“ und die Beschreibung unter walkhighlands hat uns sehr angesprochen: „Für erfahrene fitte Bergwanderer, denen einfaches Kraxeln nichts ausmacht,  die aber nicht zum Klettern da sind, ist dies der beste Weg den Ben Nevis zu besteigen. Dies ist eine wirklich spektakuläre Route mit zwei Munros. Sie wird lange in Erinnerung bleiben und dem Berg wirklich gerecht werden.“ (Munros sind die Berge höher als 3000 Fuß, 914 m).

Unsere kleine Dame rennt herum

Also haben wir abends ausprobiert, wie man am besten zum Beginn der Route kommt. Überraschenderweise nutzte unser kleines Mädchen diese Möglichkeit, um ihre ersten Schritte auf ziemlich unebenem Boden zu versuchen. Ihre Eltern waren ängstlich und stolz zugleich und sahen sie immer schon an der nächsten Ecke stolpern und stürzen. Aber sie fiel nicht (naja, nicht sehr oft) und schien stattdessen ziemlich zufrieden mit ihrem Abenteuer. Vielleicht ein gutes Zeichen für unse geplante Klettertour?

Hinauf: Kraxen-kraxeln

Vorbereitung für den Aufstieg

Am nächsten Morgen haben wir unser kleines Mädchen in ihre Kraxe gepackt (Der Hüftgurt dieses unseres Exemplars ist wohl ein bisschen mickrig?!) und begannen unsere Wanderung, zunächst am Berg entlang. Da kam direkt ein Gefühl von Spaziergang auf, einmal nur mit Kind und kleinem Tagesrucksack auf dem Rücken. Unter uns waren Wolken, über uns die Sonne, das sah doch wirklich vielversprechend aus!

Das sieht jetzt ziemlich steil aus!

Wir mussten nur ein paar Minuten laufen bis zum Anfang der CMD Arête Route. Von dort an begann ein steiler Anstieg zum Grat hinauf. Ziemlich wahrscheinlich gibt es auch einen ausgetretenen Pfad dort irgendwo in der Nähe, aber wir haben ihn nicht gefunden und zum Glück auch nicht gebraucht. Das Mädchen im Rucksack mochte die Wanderung (wobei sie größtenteils schlief), genauso wie die schwangere Mutter und das Vater-Tragetier (heute nicht so sehr, da das Zelt ja am See zurückblieb).

Blick Richtung Fort William

Ein Stück den Berg hinauf sind zwei Dinge passiert. Zuerst brauchte die schwangere Mutter eine Pause, um neue Energie zu finden. Und als wir diese Aufgabe bewältigt hatten, trafen wir auf andere Bergsteiger. Ein Paar, das gerade den West Highland Way durchwandert hatte, mit seinem Bergführer, wie sich herausstellte. Sie waren beeindruckend gut ausgestattet und der Führer erklärte ihnen gerade, wie man Steigeisen und Eispickel am besten einsetzt. Wir hofften innerlich, dass wir solche Dinge heute nicht brauchen würden, da wir als einzige Ausrüstung zwei Paar läppische Grödel dabei hatten, die wirklich nicht sehr vertrauenswürdig wirkten.

Auf dem Grat des CMD Arête

Unsere Bergsteigerinnen

Aber bald vergaßen wir diese düsteren Überlegungen. Vor allem, als wir den Rand des Bergrückens mit atemberaubender Aussicht auf die Highlands auf der gegenüberliegenden Seite erreichten. Dort entschieden wir uns, unsere erste lange Pause zu machen. Das hatte das Mädchen in der Kraxe bereits vor einiger Zeit schon gefordert (beruhigt durch kleine Stückchen Müsliriegel). Da unser Kind ab sofort scheinbar gerne in den Bergen spazieren ging, haben wir sie mit Kinderklettergurt gesichert und ließen sie herumlaufen, wo sie mochte. Und sie schien diesen Berg wirklich zu mögen.

Einer der schmaleren Teile des Grates

Jetzt sollte der interessantere und vielleicht sogar ein bisschen herausfordernde Teil des Grates kommen. Wir waren voll Vorfreude. Auf Bildern und Videoclips von Actioncams sah dieser Teil zum Teil recht schmal und steil aus. Aber, diese speziellen Kameras neigen aufgrund ihrer Fischaugenperspektive (man nennt es auch Weitwinkel) dazu, ein wenig zu übertreiben, wenn es um aufregende Perspektiven auf die Welt geht. Dennoch, dies hier fühlte sich an wie eine sehr schöne und angenehme alpine Wanderung mit toller Aussicht und nicht zu viel Adrenalin. Was uns sehr entgegenkam, wenn man bedenkt, dass wir ein kleines Mädchen in einer Kindertrage (jetzt wieder drinnen, und wieder ganz zufrieden) dabei hatten. Und es gab auch ein oder zwei Stellen, an denen es vorteilhaft erschien, den warmen Stein mit den Händen anzufassen. Was sich großartig anfühlte.

Schnee auf den Hängen
Noch etwas Schnee auf unserem Grat

Interessanterweise gab es Mitte April hier auch auf 1000 Meter überall auf den Nordhängen noch viel Schnee. Aber der Grat selbst – wie das bei Graten so sein soll – war schon ziemlich schneefrei.

Nach oben

Mild steiler Aufstieg nach oben

Schnee fanden wir dann am Beginn des letzten steileren Anstiegs auf den Ben Nevis. Dort hielt die andere Gruppe an und zog ihre Steigeisen an. Auch wir hielten an und machten eine Pause, mit Essen und Trinken und schöner Aussicht für Kind und Eltern. Überraschenderweise war es hier noch ziemlich warm und fast windstill. So taugte der  Platz zum ziemlich gemütlichen Picknick auf unserer heutigen Familienkraxeltour.

Letzte Chance, die Aussicht zu genießen

Die ersten paar Meter an diesem letzten Aufschwung verliefen ziemlich gut, mit weiterhin herrlicher Aussicht auf die umliegenden Bergrücken. Im Süden konnten wir schon das Tal sehen, für dessen Durchwanderung wir uns einige Tage später entscheiden würden. Recht nett!

Auf dem Weg weiter bergauf machten wir dann wieder zwei Entdeckungen. Erstens waren hier glücklicherweise keine Steigeisen nötigt. Es war recht einfach, gute Spuren in den Schnee zu treten.

Da kommt der Nebel

Und zweitens begann es wolkiger zu werden. Das heißt, wir waren nun wirklich mitten in einer Wolke. Das schien für die Spitze dieses Berges ziemlich passend zu sein, von dem man sagt, dass er sich die meiste Zeit über in Wolken hüllt. Zum Glück hatten wir (wie mehrmals erwähnt 😉 schon viel von der tollen Aussicht auf dem Weg nach oben gesehen. Wir waren also nicht übermäßig von unserer Wolke enttäuscht, als wir endlich auf der Spitze von Großbritannien ankamen.

Oben in den Wolken

Vater und Kind auf dem Gipfel im Nichts

Diese Verhältnisse brachten auch Vorteile mit sich. So sah der Berggipfel mit der alten Sternwarte und dem Hotel recht mystisch und natürlich und beeindruckend aus. Und wir konnten die meisten anderen Touristen auf dem Berggipfel nicht sehen. Damit hatten wir unseren ganz privaten Fleck mit flachem Schnee und einer Sichtweite von etwa 50 Metern irgendwo im Nirgendwo auf dem Ben Nevis Berggipfel. Natürlich machten wir dort oben auch ein weiteres ausgiebiges Picknick, während unser kleines Mädchen allerdings mehr Lust hatte, den Schnee zu erkunden und ihre neu entdeckte Geländegängigkeit auszuprobieren.

Seltene Aussicht vom Gipfel des Ben Nevis

Für etwa eine Stunde blieben wir auf dem Gipfel des Ben Nevis. Trotz der Wolken war es dort oben weder kalt noch windig. Oder jedenfalls fühlte es sich in unseren warmen Daunenjacken recht gemütlich an. Und wir bekamen hier und da im Nebel sogar ein paar kleine Fenster mit Aussicht auf Berglandschaften zu sehen.

Runter geht’s

Gehen und rutschen auf dem Ponyweg

Schließlich begannen wir den Abstieg über den Ponyweg. Damit verschwanden auch sogleich die Wolken wieder. Und den Weg hinunter wollte unser kleines Kind schon wieder selber laufen. Damals haben wir zuerst gelernt, wie beharrlich dieses unser Kind beim Gehen sein kann. Sie zeigte tatsächlich großen Willen zu gehen, zu rutschen, den Berg hinabzuspringen. Und sie ist fast bis zu unserem Zelt (im Schneerutschbild immer noch weit entfernt ein kleiner Punkt am Ende des Sees) gekommen. Und für sie war es kein Problem, dass der Weg so langweilig war, wie man es von einem Ponyweg eben erwarten konnte. Sie schien vor allem glücklich über ihren neu gefundenen Fähigkeiten zu sein. Wir Eltern waren auch glücklich und gingen in der Folge immer wieder mit ihr spazieren (ein gutes  Jahr später beispielsweise, in Norwegen auf der Fjordruta, ging sie dann schon wirklich beeindruckend lange Strecken alleine).

Highlander!

Natürlich gab es noch eine weitere nette Pause, bevor wir zurück bei unserem Zelt ankamen. Beim Pausieren entdeckte unser Mädchen, dass man mit einem Wanderstock wirklich die lustigsten Sachen machen kann. Sie posierte sogar für sehenswertes Speerwerfen. Ein zweiter Highlander? Wie auch immer, nicht zu lange Zeit später waren wir dann sicher wieder zuhause in unserem Zelt. Was für ein großartiges Familienabenteuer!

Weiter geht das Trekking

Schöne Natur entlang des Weges

Nach einer erholsamen Nacht am See liefen wir weiter nach Fort William und zu unserem nächsten Campingplatz. Nach erfolgreicher Nahrungsmittelversorgung in der „großen Stadt“ folgten wir dann ein wenig diesem berühmten West Highland Way. Danach hatten wir noch ein paar schöne Tage während derer wir auf einem alternativen Weg zum West Highland Way nach Süden wanderten (Glen Nevis, wo Highlander, Braveheart und Harry Potter gedreht wurden!). Es war eine sehr gute Idee, für unsere Familienwanderung nach Schottland zu kommen!

Ein Wort zur Natur

Lichtung und kultivierter Wald
So sieht der Wald in der Umgebung aus.

Die schottische Landschaft und vor allem die Highlands sind großartig und schön. Aber sie sind keineswegs unberührt. In vergangenen Zeiten gab es auf all diesen Hügeln einmal Wald. Wo heute Wald ist, ist er zum größten Teil stark bewirtschaftet (obwohl die Schotten dies in letzter Zeit erfreulicherweise teilweise versuchen zu ändern). Und das tundraartige Grasland, das diese hohen Hügel heute bedeckt, ist eben das Ergebnis von Jahrhunderten des Abholzens (Man sagt, aus dem Holz seien größtenteils Schiffe gefertigt worden). Wobei diese Hügel auch so wunderschön sein können. Und die Schafe, die über die niedrigeren Hügel streifen, sind, während sie von einigen als Fluch des Landes bezeichnet werden, wirklich niedlich anzusehen (siehe z. B. das Bild ganz oben :).

 
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