Wanderurlaub mit der Familie in Norwegen. Das bedeutet auch mal, davonzulaufen. Aber wovor laufen wir da davon, in den sonnigen Weiten der wundervollen Berglandschaft der Hardangervidda? Angefangen hat unser Skandinavien-Sommerurlaub 2018 doch sehr gemütlich. Hier folgt nun der Bericht vom Höhepunkt unserer Hardangervidda-Durchquerung mit Kindern, in drei Akten:

Unwetter droht über der Hardangervidda

Wechselndes Wetter beim Kinder-Wandern in den Bergen in Norwegen

Aber wir sind auf der Flucht vor den Wolken. Genau genommen vor dem Wetterbericht, der mit einem weitreichenden und ausdauernden Regengebiet droht. Schon einige Tage lang verzichten wir daher auf unseren angedachten Pausetag, und tragen Rucksack und Tragekind durch die Vidda, um den nun bestimmt letzten sonnigen Tag noch zum Wandern zu nutzen.

Blick aus dem Fenster einer Berghütte in Norwegen auf den Berg Hårteigen

So langsam wird es dann aber tatsächlich knapp mit dem Sonnenschein. Auf dem Weg zur Torehytten erwischt uns zwischendurch schon der eine oder andere Regenschauer. Dass die immer wieder verschwinden, ist nur unserem großen Mädchen zu verdanken, das kräftig für uns gegen den Regen ansingt. Auf der Hütte bleiben wir gleich für zwei Nächte, weil es drinnen viel gemütlicher ist als draußen. Außerdem gibt es hier eine große Spielkiste für die Kinder, mit Lego, Baggern, Büchern. Echt toll, diese Hütte! Unser nächstes Ziel sieht man hier auch schon gut durchs Fenster: Hårteigen – der Name bedeutet so etwas wie „grauer Wegweiser“. Sehr passend, da dieser Berg uns tatsächlich schon seit Tagen die Richtung gewiesen hat.

Schnee!

Plötzlich ist es Winter in Norwegen und der Berg vor dem Fenster ist nun schneebedecktAm nächsten Morgen zeigt sich deutlich, dass uns das Regenwetter nun eingeholt hat. Aber, Regen-Wetter? Tatsächlich liegt hier plötzlich überall Schnee um uns herum! Nun finden wir es doch ganz schlau, dass wir Handschuhe, Sturmhauben und auch sonst ziemlich viel warme Kleidung für alle mitgebracht haben. Dabei wissen wir noch gar nicht, wie spannend das Wetter in den nächsten Stunden werden wird.

Schwieriger Übergang über einen Bach in NorwegenEigentlich war ja der Plan, mit allen gemeinsam auf den Hårteigen zu klettern. Für solche Anlässe haben wir extra leichte Kinderklettergurte und ein Stück Seil dabei. Aber unter diesen Bedingungen scheint es doch schlauer, wenn der Papa sich mal alleine da oben auf dem markanten Berg umschaut. So legen wir nur das erste Stück Weg heute alle zusammen zurück (mit aufgrund von Hochwasser spannendem Flussübergang am Auslauf des Sees vor der Hütte). Dann setzt sich ein einsamer Kundschafter vom Familienknäuel ab und eilt in Richtung Berg voraus.

Hårteigen – Winter-Bergsteigen

Auf den Hårteigen führt der leichteste Weg durch eine steinige Schlucht

Der leichteste Aufstieg auf den Gipfel des Hårteigen ist offensichtlich und leicht zu finden. Es handelt sich um eine Schlucht auf der Ostseite, die doch ziemlich einer Geröllhalde gleicht. Entsprechend ist der Aufstieg auch mit Schneeauflage bei etwas Sorgfalt kein Problem. Zumal weiter oben zumindest im Moment (Sommer 2018) zahlreiche Seile kunstvoll an den Felsen angebracht sind. Es gibt Stimmen, die behaupten, an dieser Stelle sei leichte Kletterei vonnöten. In Süddeutschland würde man das hier wohl eher kraxeln nennen. Ist jedenfalls nett und eine gute Abwechslung zum Wandern.

Schneereicher Weg auf den zweithöchsten Berg der HardangerviddaWeiter oben finden sich dann noch verschiedene andere Arten von Versicherungen. Zunächst wartet im oberen Teil der Schlucht rechterhand wegweisend ein beinahe antik aussehendes Geländer. Im Prinzip ein guter Ort für eine Sicherung bei widrigen Verhältnissen, um nicht unvermittelt vom rechten Pfad abzukommen. Im Anschluss findet sich dann auch noch eine kurze Passage mit ziemlich neu aussehendem Drahtseil. Offenbar wurde hier schon öfters versucht, die Gefahren für achtlose und ahnungslose Touristen zumindest zu begrenzen.

Der Gipfel des Hårteigen bei winterlichen VerhältnissenDabei wartet die eigentliche Herausforderung beim heutigen Wetter auf dem Gipfel. Denn – wo ist dieser eigentlich? Das Gipfelplateau ist groß und die Chance, sich zu verlaufen, ebenso. Zumal man heute zwar Fußstapfen im Schnee hinterlässt, die aber meist nach kurzer Zeit wieder unter jeder Menge Neuschnee und Verwehungen verschwunden sind. Also gilt es, mit Bedacht zum Gipfelsteinmann vorzustoßen, welcher unter diesen Bedingungen der einzige Hinweis auf den zweithöchste Punkt der Hardangervidda ist. Mit einer Aussicht über fast den ganzen Nationalpark. Die gibt es hier gerade nicht, dafür wundervolle Abenteuer-Stimmung!

Schneesturm für alle!

Provisorisches Biwak-Zelt im Schneesturm

Nach erfolgtem Rückweg den Berg hinunter ist gerade die restliche Familie hier eingetroffen. Und versteckt sich hinter einem ziemlich großen Stein vor dem mittlerweile fast waagrecht dahertreibenden Schnee. Im Vergleich zum Schneesturm hier unten war es oben auf dem Berg geradezu gemütlich! Nach einigen Metern gegen den Wind, die die Kinder ziemlich anstrengend finden, verstecken wir uns für eine Weile inklusive Schlafsack in einem provisorischen Planen-Biwak-Zelt. Eigentlich hätte dieses stürmische Wetter laut Wettervorhersage schon im Lafe des Vormittags hier verschwunden sein sollen. Stimmt wohl nicht ganz genau, dieser Plan!

Kinder-Motivation

Sonnige Winterlandschaft in Norwegen mit Kindern mittendrin.Netterweise wird das Wetter dann aber gegen 15 Uhr doch noch in etwa so wie vorhergesagt. Sogar mit Sonne, zum Teil! Unsere inzwischen schon etwas nörgeligen und unwirschen Kinder verwandeln sich auf erstaunliche Weise: plötzlich springen sie wieder begeistert durch den Schnee und lassen sich jauchzend die Hügel herunterrollen. Die psychologische Wirkung von ein paar Sonnenstrahlen ist ziemlich bemerkenswert!

Ein Schnee-Schulbus, in den Schnee gezeichnetSchnee, und insbesondere Neuschnee, bleibt das Motto des Tages. So anstrenged das Stapfen durch den Schnee sein mag,  ist es doch einfach, die Kinder motiviert zu halten. Der Trick des Tages: Ein Erwachsener geht ein Stückchen voraus, malt/zeichnet/kritzelt Bilder in den Schnee und die Nachhut errät, was zu sehen ist. Von nun an ist diese Beschäftigung einer der Hits des ganzen Urlaubs und wird wieder und wieder vehement eingefordert.

Nacht im Schnee

Unser Zelt im SchneeAlle sind froh, als wir in der Abenddämmerung einen windgeschützten und ebenen Zeltplatz am Ufer eines großen Sees finden. Die Nacht wird etwas ungemütlich. Einerseits ist der elterliche Daunenschlafsack bei der Biwak-Pause am Mittag nicht ohne Feuchtigkeit davongekommen. Andererseits ist es mehrmals erforderlich, das Zelt von Schneemassen zu befreien. Tatsächlich ist beim ersten Mal, als wir diese Notwendigkeit bemerken, schon das halbe Vorzelt vom Schnee eingedrückt. Das sind eben die Nachteile, die man sich mit Leicht- und Ultralight-Ausrüstung erkauft.

Winter-Wunder-Wetter

Mystische Schnee-Wunderwelt in der Einsamkeit der norwegischen Hardangervidda-BergeDer nächste Tag wird eindeutig wieder ein Schnee-Tag. Diesmal allerdings mit etwas anderen Zutaten. Der Sturm ist schwächer, es schneit nur noch sanft, Sonne und Wolken treiben ein mystisches Spiel. Das alles zusammen macht eine großartige Stimmung, so alleine hier oben in den Bergen!

Spannender Übergang über einen Fluss.Auch die Bäche und Flüsse scheinen gut gelaunt. Zumindest sind sie voller Wasser, was die Überquerung schon seit Tagen abenteuerlicher macht als meistens. Aber irgendwie (bzw. manchmal auch: irgendwo) kommen wir überall drüber oder durch. In diesem Fall sogar gerade noch so trockenen Fußes. Wobei die Kinder dankbar Gleichgewichts- und Tragehilfe der Großen annehmen.

Hüttengemütlichkeit

Auf dem Weg nach Litlos, plötzlich ohne SchneeWie erwartet verlassen wir mit dem Abstieg zur nächsten Hütte nach und nach das tiefverschneite Land. Trotzdem sind wir überrascht, dass es nur ein paar Höhenmeter tiefer gleich ganz und gar vorbei ist mit dem Schnee. Welch ein erstaunlicher Kontrast! Dafür gilt es noch eine Furt zu passieren, die diesmal aufgrund des Wasserstands nur watend durchquerbar ist.

Kind vor dem Feuer, gemütlich in einer norwegischen HütteKurz danach erreichen wir dann aber Litlos. Das ist eine ganze Hüttensiedlung. Im Hochsommer herrscht hier angeblich regelrechter Hotelbetrieb. In der Nachsaison ist davon zum Glück nichts mehr zu bemerken. Ein einsamer norwegischer Langstreckenwanderer ist als einziger mit uns zu Gast im Selbstbedienungsbereich. Also haben wir auch diese gemütliche Hütte hier wie meist fast für uns allein. Gerne bleiben wir für zwei Nächte, trocknen unsere Sachen und erholen uns vom anstrengenden Schneesturm-Erlebnis.

Wasserwelt

Stille Herbst- und Winterstimmung im FjellDer nächste Aufbruch ist sehr viel beschaulicher, als es die vorigen beiden Wandertage erlaubten. Zwar schneit es beim Losgehen tatsächlich auch an der Hütte zum ersten Mal. Dafür stellt sich gleich darauf eine wunderbar friedliche und klare Stimmung um uns herum ein.

Kleine Brücke über großen BachSchnee gibt es zunächst nur wenig, dafür umso mehr fließendes Wasser. Zu unserer Freude führt auf diesem Teil des Weges zuverlässig über jeden Bach auch irgend eine Art von Brücke. Obgleich diese Brücken teils etwas „windig“ erscheinen, sind sie doch fantastisch hilfreich. An manchen dieser Flüsse hier ist die Vorstellung, eine Watstelle finden zu sollen, doch eher gruslig.

Viele kleine Brückenteile führen über einen norwegischen FlussUnd manchmal ist tatsächlich auch so viel Wasser da, dass es zweifelhaft erscheint, ob man ohne Brücke überhaupt irgendwie weiter kommen könnte. Dafür sind die Brückenkonstruktionen ziemlich abwechslungsreich. Eine Flussübergang kann schon auch mal aus zwei oder drei Teil-Brücken bestehen, unterbrochen von kleinen Wasserläufen, die ohne Brücke zu überwinden sind. Für Kinder wie Erwachsene ist das eine immer wieder interessante (und solange man noch nicht weiß, ob die Brücke wirklich vorhanden und begehbar ist auch spannende) Beschäftigung.

Winter-Wunder-Welt

Wandern mit Kindern durch eine wundervolle norwegische Schneewelt im SonnenscheinUnd plötzlich ist da wieder Schnee! Hundert Höhenmeter einen Hang hinauf, und die Welt ist verzaubert. Dabei reicht der Schnee hier gerade, um alles weiß zu machen. Kein störender Tiefschnee, in dem wir versinken können. Kein störender Wind, der uns die Flocken in die Augen treibt. Dafür liebliche Sonne und weiße Wunderwelt – das ist doch mal was!

An allen Ecken werden Schneemänner gebaut!Das Wandern wird heute für die Kinder gerade wegen des Schnees ein ganz wundervoller Genuss. Und das, obwohl wir eine unserer längsten Etappen zurücklegen. Unsere beiden größeren Kinder bemerken vor lauter Schneemann bauen und Schneeballschlacht gar nicht, wie sie Strecke machen. Stattdessen sind sie damit beschäftigt, Papa-Moschusochsen mit Schneebällen zu jagen und den eingeschneiten Steinmännern noch einige Schneemänner zur Seite zu stellen.

Sommer-Schnee-Wunderwelt im norwegischen Fjell

Wir haben uns nämlich für heute 18 Kilometer Wanderweg vorgenommen, die komplette Etappe zur nächsten Hütte. Die Kinder lieben die Hütten und sie lieben den Schnee. Und obwohl mittlerweile der Wind wieder auflebt, macht ihnen die Kombination aus Schnee und Sonne offenbar einfach gute Laune!

Mehr Hütten-Gemütlichkeit

Ankunft an einer norwegischen Hütte in trübem Wetter zur AbenddämmerungZum Ende des Wandertags hin trifft uns dann nochmal ein kleiner Schneeschauer. Zum Glück geht es nur noch bergab zur nächsten Hütte, zur Hellevassbu. Diese erreichen wir bei Einbruch der Abenddämmerung und ausreichend ungemütlichem Wetter, damit wir uns nun richtig auf die heimelige Hütte freuen können. Zumal wir außer ein paar Jägern (es ist Jagdsaison in Norwegen) auch hier wieder ganz allein sind.

Wunderbare frische Pfannkuchen, selbstgemacht auf der SelbstversorgerhütteDie sehr freundlichen Hüttenwirte mitsamt Hund (Den liebt unsere Tochter auf Anhieb. Sie liebt überhaupt alles Hunde-Assoziierte!) kommen noch später als wir an. Sie mögen es offensichtlich auch, wenn jeder seinen eigenen Ort hat. Am nächsten Tag ziehen sie sich gleich in die Nebenhütte zurück. Damit sind wir den zweiten Tag über dann schon wieder ganz alleine mit „unserer“ Hütte. Dabei werden wir vom Hüttenwirt-Paar (der Hund gehört eigentlich einem ihrer Verwandten und ist nur „im Urlaub“ hier) total nett mit frischem Brot und Leckereien versorgt. Unsere Kinder freuen sich trotzdem mehr auf die traditionellen (auf fast jeder Hütte!) vom Papa selbstgebackenen Pfannkuchen. Viele Zutaten gibt es nicht, auf diesen Hütten, aber Pfannkuchenpulver, Rosinen und Wasser sind beim Wanderurlaub auch schon recht phantastisch!

Unglaublich gemütliche Abendstimmung in der Berghütte vor einem PanoramafensterEin Highlight dieser Hütte ist die gemütliche Leseecke mit einem richtigem Panoramafenster. Da macht das schauerliche Wetter draußen (wir sind wieder bei Regen- und Schneeschauern angekommen) gleich noch viel mehr Spass am Pausetag. Das einzig etwas Anstrengende am Aufenthalt in dieser Hütte sind die gut gemeinten Ermahnungen der Hüttenwirtin, doch nur bitte gut aufzupassen, damit mit uns und den Kindern auf dem Weiterweg nichts schiefgeht. Tja, sie hat selbst Kinder, da ist die Sorge natürlich verständlich.

Gemütlicher Weiterweg über die Hardangervidda

Nach dem Schnee: wandern über grüne Hügel!Wir allerdings freuen uns auf den Weiterweg, zumal neben einigen Wolken auch wieder reichlich Sonne angekündigt ist. Und tatsächlich: auf dem Weg zum nächsten Zeltplatz bekommen wir wieder jede Menge großartiges Wetterschauspiel geboten, mit Wolken, Sonne, Regenbogen. Ein sehr feiner Zeltplatz am See krönt diesen sorglosen und gelungenen Wandertag. Der Weiter-Weiterweg nach Haukeliseter (ein großes Berghotel mit trotzdem günstigen Angeboten für Wanderer, leider an einer unhübschen Straße gelegen) bringt uns mit 17 Grad und Sonne sogar nochmal das T-Shirt-Wetter vom Anfang dieser großartigen Trekking-Wanderung zurück!

Nach erfolgreichem Abschluss unserer Hardangervidda-Überschreitung schauen wir uns noch ein wenig den goldenen Herbst um das Setesdal herum an. Und dann geht es gemütlich zum Kontrastprogramm: Norwegen-Städtetrip für Naturliebhaber!


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